• Petra Weintögl

1. Die Bärin

Aktualisiert: Nov 7


Es war einmal eine Bärin, die seit sie denken konnte in einem Zirkus lebte. Die Bärin fühlte sich hier wohl, sie hatte keinen Grund zu klagen. Der Zirkusdirektor war nett zu ihr, sie hatte immer genug zu fressen und zu trinken und ein funkelndes Halsband schmückte ihren Hals. Die Kette an der sie die meiste Zeit angebunden war, war aus Silber und ziemlich lang und der Käfig war sehr geräumig. Mit den anderen Tieren verstand sie sich prima und die meisten Menschen hatten immer ein nettes Wort für sie. Hin und wieder passierte es sogar, dass wenn die Vorstellung im Zirkus besonders toll und viele Zuschauer da waren, der Zirkusdirektor ihr seltene Leckereien gab oder sie wurde sogar von ihrer Kette befreit und durfte sich im Käfig ohne diesem lästigen Gewicht an ihrem Hals bewegen. Ja, sie führte durchaus ein zufriedenes Bärinnen Leben.

Eines Tages war es wieder soweit, es kamen viele Zuschauer und die Bärin gab ihr bestes. Als Belohnung befreite der Zirkusdirektor sie auch diesmal von der Kette! Was für eine Freude! Stolz lief sie in ihrem Käfig herum und spielte mit ihren vielen Spielsachen. Plötzlich fegte eine Windböe durch ihren Käfig und siehe da ihre Tür öffnete sich. Der Zirkusdirektor hatte wohl vergessen sie abzuschließen. Vorsichtig steckte die Bärin zuerst den Kopf aus dem Käfig und trat dann langsam ins Freie. Witternd streckte sie ihr Nase in die Luft. Was war das für ein Geruch? So was hat sie noch nie gerochen. Neugierig folgte sie dieser Duftspur. So entfernte sie sich ohne es zu bemerken Schritt für Schritt vom Zirkus. Als sie einem Fluss erreichte blieb sie verdutzt stehen. Auf der anderen Flussseite befand sich ein Wald, der Ursprung dieses tollen Geruches. Zaghaft betrachtete sie den Fluss und überlegte ob sie ihn überqueren sollte. Sie machte einen Schritt in das kühle Gewässer. Sanft umspülte der Fluss ihre Tatzen. Nachdenklich senkte sie den Kopf und betrachtete ihr Spiegelbild in dem Gewässer. Was sie da sah erstaunte sie. Der Wind streichelte ihr Fell und das Mondlicht verlieh ihr einen geheimnisvollen Glanz. Sie sah hier ganz anders aus als in ihrem Wassertrog im Zirkus. War dieses beeindruckende Wesen wirklich sie? Plötzlich hörte sie Menschenstimmen und schnell lief sie wieder zu dem Zirkus zurück. In ihrem Käfig rollte sie sich auf ihren Schlafplatz zusammen und schlief schnell ein.

Am nächsten Tag, niemand hatte ihr Verschwinden bemerkt, brachten ihr die Menschen Futter und Wasser. Wieder betrachtete sie ihr Spiegelbild und auch ohne den Wind und den Mond konnte sie diesmal ihr Wesen erahnen. Da hörte sie ein Picken, die Bärin blicke sich um und entdeckte einen frechen Spatzen an ihrer Käfigtür. Er zwitscherte:“ Warum schaust du denn so verwirrt, Bärin?“ Die Bärin antwortete: “Als ob du mir helfen könntest. Gestern war ich beim Fluss und war überrascht wie anders mein Spiegelbild da draußen aussieht.“ Der Spatz lachte: „Natürlich siehst du dort anders aus, du bist doch die Herrin des Waldes! Da draußen bist du die Königin und hier spielst du die Hofnärrin.“ Wütend verjagte die Bärin den Vogel. Doch gingen ihr seine Worte nicht aus dem Kopf. Sie eine Königin? Diese Nacht schlief die Bärin sehr unruhig, die Worte des Spatzes verfolgte sie in den Träumen. Und da war noch eine leise Stimme, die ihr drängend zuflüsterte. Am nächsten Tag war der Vogel wieder da. Er zwitscherte ihr zu: „Wenn du mir nicht glaubst, dass du die Herrin des Waldes bist, dann teste doch deine Stärke. Die Königin sprengt Ketten und reißt Käfige nieder.“ Lachend flog er wieder weg. Neugierig und vorsichtig begann die Bärin ihre Kräfte zu testen und entdeckte, dass sie wirklich sehr stark war. Die anderen Tiere merkten bald, dass die Bärin wilder wurde und mieden sie. Auch den Menschen entging ihr Verhalten nicht und machten bald einen großen Bogen um sie. Der Zirkusdirektor wurde immer ärgerlicher, er drohte ihr und schrie sie an. Er verstand die plötzliche Veränderung nicht, sie machte ihm Angst. Sie war doch früher nicht so, warum hatte sie sich so verändert?

Die Bärin war traurig. Warum durfte sie nicht ihr wahres Wesen zeigen? Wie sollte sie hier weiterleben wo sie doch jetzt weiß wer sie ist. Wie kann sie da ihre Kunststücke zeigen, ihre Tänze vollführen wenn sie doch weiß wer sie ist. Als sie immer einsamer wurde und die Menschen sie nicht mehr von der Kette ließen. Entschied sie ihre Kräfte wieder zu vergessen. Doch ihr wahres Wesen ließ sich nicht mehr verstecken. Eine Sehnsucht war erwacht und nachts flüsterte ihr die Stimme ununterbrochen zu: „Bärin! Wach auf! Du bist die Hüterin des Waldes! Es wird Zeit, nimm deinen Platz ein!“ Doch die Bärin hatte Ängste und Zweifel. Wie soll sie im Wald überleben? Sie weiß nicht wie man jagt oder wo sollte sie schlafen? Wie gefährlich ist es im Wald? Im Zirkus hatte sie alles was sie brauchte, hier ist es sicher und bequem und sie kannte sich hier aus. Konnte sie den Zirkusdirektor so traurig machen? Ja, es ist besser hier zu bleiben.

Aber diese Stimme gab keine Ruh, wurde immer lauter und die Sehnsucht wurde immer größer. Mit der Zeit wurde ihr der Käfig zu eng, die Menschen waren zu aufdringlich, es wurde ihr zu laut und das Leben im Zirkus machte sie immer wütender. Was sollte sie bloß tun? Der Zirkusdirektor wird sie wohl kaum frei lassen. War sie stark genug und konnte ausbrechen? Und werden sie die Menschen verfolgen und wieder einfangen? Kam sie da draußen so alleine zurecht? Die Bärin wurde immer unruhiger und unglücklicher. Sie musste eine Entscheidung treffen.


Eines Tages nahm die Bärin all ihren Mut zusammen und sprengte mit sanfter Stärke ihre Ketten. Traurig erkannte der Zirkusdirektor, dass er die Bärin nicht mehr halten konnte und ließ sie gehen.

Glücklich lief sie Richtung Fluss, sie überquerte ihn und verschwand im Wald.


Und wenn ihr glaubt, dass hier die Geschichte endet irrt ihr euch. Die Bärin hat noch viel zu lernen und wird noch viele Abenteuer bestehen. Doch sie hat sich selbst gefunden und lebt jetzt mutig das Leben welches für sie bestimmt ist.




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